Der Pollino ist Italiens größter Nationalpark — und der am wenigsten gefahrene. Wer auf dem Weg nach Sizilien die Autostrada nimmt, fährt daran vorbei. Wer abbegt, findet 192.565 Hektar UNESCO-Geopark, leere Pässe und einen Baum, der 1.230 Jahre alt ist.
Drei Nationalparks. Eine Route. Das ist das Versprechen der Parks-of-the-South-Tour — und der Pollino ist der Auftakt. Wer von Salerno kommend die SS19 südwärts verlässt und ins Massiv einbiegt, merkt schnell, dass dieser Teil Italiens im TOURENFAHRER und im Motorrad-Magazin noch kaum auftaucht. Das ist kein Fehler. Das ist ein Vorteil.
Der Park in Zahlen
Der Park liegt auf der Grenze zwischen Kalabrien und Basilikata — zwei Regionen, die zusammen mehr UNESCO-Welterbestätten beherbergen als die meisten Länder in Europa. Der Pollino ist das geografische Herzstück: ein Kalksteinmassiv, das von Norden wie eine Mauer wirkt und von Süden langsam in Schluchten und Täler abfällt. Die Straßen folgen der Logik des Geländes, nicht der Logik des Tourismus.
Italus — der älteste Baum Südeuropas
Auf einem Grat des Pollino-Massivs wächst ein Pino Loricato namens Italus. Sein Alter: 1.230 Jahre, bestätigt durch Radiokarbondatierung der Universität Tuscia. Als Italus ein Setzling war, existierte das Byzantinische Reich noch. Karl der Große war gerade erst gestorben.
Den Baum erreicht man nicht mit dem Motorrad. Die letzten 40 Minuten sind zu Fuß, auf einem Pfad vom Piano Ruggio (1.550 m) aus. Aber die Anfahrt auf zwei Rädern ist das eigentliche Erlebnis. Die Straße von Viggianello zum Piano Ruggio ist ein Forstweg, der sich durch Birkenwälder und über Karstfelsen schlängelt — ohne Leitplanken, ohne Schilder, ohne anderen Verkehr.
„Der Pino Loricato wächst nicht dort, wo das Leben leicht ist. Er wächst auf nacktem Fels, im Wind, auf 2.000 Metern. Das ist der Baum. Das ist auch die Straße."
— Davide De Caro, SudRidersDie Route: SS92 und die Täler des Pollino
Das Herzstück der Pollino-Etappe ist die SS92 zwischen Viggianello und Rotonda. Sie ist keine Alpenpassstraße — keine engen Kehren, keine spektakulären Aussichtspunkte mit Parkplatz. Stattdessen: eine saubere Linie durch ein Bergtal, das an Werktagen vollständig leer ist. Auf den Straßenschildern erscheint ab dem Parkeingang das Symbol des Pino Loricato.
In Rotonda lohnt ein kurzer Stopp am Ecomuseo del Parco — das Museum zeigt unter anderem das vollständige Skelett eines 400.000 Jahre alten Elefanten, der im Mercure-Tal gefunden wurde. Eine Stunde Aufenthalt reicht.
Weiter südlich, kurz vor Campotenese, öffnet sich die Hochebene. Im Mai blüht dort das Lavendelfeld direkt an der Straße — ein lila Streifen auf 1.200 Meter Höhe, der beim Fahren sichtbar ist. Im Oktober färbt sich der Wald, und die Straßen leeren sich vollständig.
Civita und das albanische Erbe
Wenige Kilometer vom Hauptmassiv entfernt liegt Civita — auf Arbërisht heißt das Dorf Çifti, „Adlernest". Die Gemeinde gehört zu den Arbëreshë: Nachkommen albanischer Siedler, die im 15. und 16. Jahrhundert vor der osmanischen Expansion flohen und in verlassenen Bergdörfern des Südens neue Heimat fanden. In Civita sprechen die Leute noch heute Arbërisht — ein altertümliches Albanisch, das sich seit 500 Jahren in den Bergen konserviert hat.
Unterhalb des Dorfes öffnet sich der Canyon del Raganello — eine der tiefsten Schluchten Italiens, mit Wänden von 700 Metern. Der Ponte del Diavolo, eine mittelalterliche Steinbrücke über den Raganello, ist zu Fuß in 40 Minuten erreichbar. Die Anfahrt nach Civita auf der SP263 ist für sich genommen ein Argument.
Was man isst — und was man mitnimmt
Die Küche des Pollino-Gebiets ist bodenständig und von hoher Qualität. Drei Produkte gehören auf jeden Tisch: die Melanzana Rossa di Rotonda (Slow Food Presidium — eine endemische Tomate-Paprika-Kreuzung, die nur im Pollino wächst), der Fagiolo Poverello Bianco aus Mormanno und der Peperone di Senise, der als „Peperone Crusco" getrocknet und frittiert zur Basis unzähliger Gerichte wird.
Das Rifugio Fasanelli und das Rifugio La Principessa im Hochland sind die richtigen Adressen für ein Mittagessen auf 1.500 Meter Höhe. Wer abends im Parco übernachtet, sollte das Luna Rossa in Terranova di Pollino (PZ) einplanen — ein Restaurant im Herzen des Parks, das von Kennern empfohlen wird und die lokalen Produkte ernst nimmt.
Wann fahren — und was zu erwarten ist
Die besten Fahrmonate sind Mai bis Juni und September bis Oktober. Im Juli und August ist der Park beliebt bei Wanderern und Kletterern — die Straßen bleiben trotzdem ruhig, weil die meisten Besucher mit dem Auto kommen und an den Wanderparkplätzen bleiben. Im Winter liegt im Hochland Schnee; Ski di Fondo ist an Piano Ruggio möglich, aber das Motorrad bleibt in der Garage.
Der Park ist kostenlos. Keine Einfahrtsbarrieren, keine Ticketpflicht. Die Visitor Centre in Rotonda und Viggianello haben offizielle Wanderkarten — nützlich für alle, die nach dem Fahren auch den Weg zu Italus machen wollen.
Der Pollino ist Tag 1 der Parks-of-the-South-Tour. Die Route geht weiter durch die Sila (Tag 2) und das Aspromonte (Tag 3) bis zur Meerenge von Messina — 860 km, drei Nationalparks, vier Tage. Die vollständige Routenbeschreibung und das GPX-Pack sind auf der Tourseite verfügbar.